Breathing Earth: Interview

INTERVIEW MIT THOMAS RIEDELSHEIMER

Wie ist die Idee zu „Breathing Earth“ entstanden, wie haben Sie Susumu Shingu kennengelernt?

Susumu ist, auf Umwegen, in gewisser Weise „zu mir gekommen“. Ich habe eines Tages einen Anruf einer ehemaligen Mitarbeiterin aus Paris bekommen. Sie erzählte mir begeistert von einer Ausstellung mit Windskulpturen und meinte, ich müsse das unbedingt sehen. Und sie hatte Recht, ich war sehr begeistert! Susumu war zu der Zeit selbst in Paris, und ich hatte das große Glück, ihn kennenlernen zu können. Nach einiger Zeit, als ein gewisses Vertrauen entstanden war, hat er mir von seinem Traumprojekt „Breathing Earth“ erzählt. Daraus hat sich für mich ein komplettes Thema entwickelt: Ein außergewöhnlicher, symphatischer Protagonist, der einen Traum verfolgt und der sich seit Jahren mit etwas Flüchtigem und Unsichtbarem beschäftigt, dem Wind.

Was hat Sie an Susumu Shingus Arbeit so fasziniert?

Für mich funktionieren viele Arbeiten Susumus wie offenes Feuer. Ich kann stundenlang zuschauen, wie sie sich bewegen und immer wieder neue Formen, Muster und Farben entstehen. Susumus Skulpturen brauchen – ähnlich wie Andy Goldsworthys Arbeiten – die Natur, um zum Kunstwerk zu werden. Ohne Wind bleiben sie „leblos“. Aber schon mit dem leisesten Wind beginnen sie auf eine Art zu leben, die mir persönlich viel über das Leben an sich vermittelt. Das ist schwer zu erklären. Es hat vielleicht damit zu tun, dass wir selbst ja in demselben Wind stehen, der die Skulptur vor uns bewegt. Es gibt eine Verbindung.

Ich glaube Susumu fühlt sich durch seine Arbeit sehr stark mit den Energien in der Natur – und das würde ich gleichsetzen mit dem Leben – verbunden. Diese Verbindung und unser Verhältnis zur Natur interessiert mich seit „Rivers and Tides“ sehr. Mit dem Projekt „Breathing Earth“ versucht Susumu jetzt eine Brücke zu schlagen zwischen dem Künstler und dem „Umweltschützer“ in ihm. Diesen Versuch finde ich sehr spannend.

Hinzu kommt, dass Susumu und Yasuko, seine Frau, außergewöhnliche Menschen sind. Sie leben das, was sie vom Wind gelernt haben. Und Susumu hat sich den kindlichen, träumerischen und begeisterten Blick auf die Welt bewahrt. Alles große und schöne Themen für einen Film...

Wie hat Susumu Shingu auf die Filmidee reagiert?

Susumu ist eigentlich immer aufgeschlossen für Ideen und andere Menschen. Mit ihm in Kontakt zu treten, fällt nicht schwer. Ich habe ihm Filme von mir gezeigt, wir haben geredet, und bald war uns klar, dass wir etwas zusammen machen wollen.

[DREHARBEITEN]

Über welchen Zeitraum ist „Breathing Earth“ entstanden?

Ich habe schon kurz nach dem ersten Zusammentreffen mit Susmu, im Frühjahr 2006, mit dem Drehen begonnen, also vor mehr sechs Jahren. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, daraus einen Film machen zu wollen. Am Anfang war jedoch noch nicht klar, dass es ein aufwändiger Kinofilm werden würde, das stand erst Ende 2008 fest. Dann haben wir auch angefangen, mit Super-16mm-Fimmaterial weiterzudrehen. Es gab – im Zusammenhang mit Susumus Arbeit und seinen Projekten – verschiedene Drehphasen in Japan, in Süditalien, Paris, Schottland, dem Ruhrgebiet und der Türkei. Eine Reise, die ich angestoßen habe, war die nach Mexiko. Ich fand die Geschichte der Monarchen-Schmetterlinge einfach zu schön, und ich wollte unbedingt erreichen, dass Susumu ein Kinderbuch darüber macht. Er macht ja wunderschöne Kinderbücher, er hatte selbst auch schon an die Monarchen gedacht, da musste ich ihn nur ein bisschen anschubsen…

Wie eng waren Ihr Film und die Dramaturgie an die Verwirklichung von Susumu Shingus Projekt gebunden?

Ich hatte am Anfang der sechs Jahre, in denen ich gedreht habe, insgeheim gehofft, irgendwann eine Grundsteinlegung für „Breathing Earth“ filmen zu können. Im Verlauf des Projekts wurde aber klar, dass eine Realisierung aus vielen Gründen – darunter auch die Finanzkrise 2008 – sehr schwer werden würde. Dazu kommt, dass Susumu ein Träumer ist, ein Visionär, und manchmal eben auch ein Kind … Er ist kein Geschäftsmann, der Budgets aufstellt und Abschreibungsmodelle durchspielen oder mit großmundigen Versprechungen Gelder akquirieren will. In den verschiedenen Ländern, in denen es Interesse gab, scheiterte Breathing Earth auf verschiedene Weise, Bürokratie, Unverständnis, Verschleppung.

Letztlich haben wir erkannt, dass es bei Breathing Earth im Kern weniger um den Bau eines Dorfes geht. Es geht darum, etwas in Gang zu setzten, etwas anzustoßen, um die Einstellung. Auch deshalb waren die mexikanischen Schmetterlinge für mich wichtig. Sie benötigen sechs Generationen, um ihren Wanderzyklus an demselben Baum zu beenden, an dem der Ur-Ur-Ur-Großvater gestartet ist. Eine Generation schafft es nicht. Aber die Botschaft wird weitergetragen.

Mit der Dramaturgie des Filmes haben wir versucht, diese Inhalte anhand der Reisen für das Breathing-Earth-Projekt zu erzählen. Aber eigentlich geht es um mehr als um dieses Projekt. Mir persönlich geht es letztlich auch um ein Plädoyer für Träume und Träumer – und um die Lebensphilosophie Susumus, der viel vom Wind gelernt hat.

Susumus Frau Yasuko spielt eine große Rolle, auch in Ihrem Film, der an manchen Stellen fast zum Liebesfilm wird. Hat sich dieser Aspekt im Laufe des Filmprojekts ergeben?

Schön, wenn Sie das so empfinden … In der Tat hat mich das Miteinander der beiden sehr bewegt. Ich finde es immer sehr besonders, Menschen zu treffen, die nicht nur kluge Dinge sagen, sondern sie auch leben. In dieser Hinsicht sind die beiden sicher auch ein Vorbild für mich. Es war im übrigen sehr schnell klar, dass Yasuko ihren Part in dem Film haben wird, der Rest war offen.

[DEN WIND FILMEN]

Gab es für die filmische Herausforderung, den Wind im Film sichtbar zu machen, ein festes Konzept oder vertrauen Sie mehr auf die Intuition des Moments während des Drehens?

Wie bei meinem Film „Touch the Sound“, in dem es um Klänge geht, lag auch bei „Breathing Earth“ ein besonderer Reiz im Visualisieren von vermeintlich Unsichtbarem. Und auch hier haben mich weniger die extremen Ausprägungen interessiert, sondern mehr die alltäglichen Erscheinungsformen. Die leiche Bö, die das Wasser eines Teiches kräuselt und dabei in flüssiges Silber taucht; das Blatt, dass sich, gehalten von einem Spinnfaden, im Wind dreht. Es gab immer wieder solche Ideen und Bilder, die ich gerne in dem Film gehabt hätte. Manches hat geklappt, manches nicht.

Dabei fällt einem dann auf, wie schwer es ist, diese immer wieder einmal gesehenen Momente zu filmen. Wenn man sie sozusagen für die Kamera braucht, sind sie nicht da; das ist auch etwas, was mir seit der Arbeit mit Andy Goldsworthy bewusst ist. Bis zum Schluss hatte ich z.B. gehofft, die Haare von jemandem zu filmen, die sich so leicht und schön im Wind bewegen – nicht wie in der Werbung, sondern spielerisch. Es hat nicht geklappt …

Andere Dinge sind dafür unerwartet passiert. Der Flug von wunderschönen, zarten und luftigen Samen in Italien – zufällig hatte ich da meine Fotokamera dabei. Es war also wie auch bei früheren Filmen eine Mischung aus Konzept und Intuition und Improvisation. Wichtig ist, die Schönheit erst einmal zu bemerken. Eine wichtige Vorgabe war, dass ich flexibel sein wollte und überall – sogar im Urlaub – drehen wollte, wenn sich der Wind zeigen würde. Wir haben deswegen einen gewissen Materialmix im Film, der uns manchmal einige technische Probleme bereitet hat. Trotzdem glaube ich, dass es die richtige Wahl war.

Den Wind hören: Wie aufwändig war die Tonarbeit?

Seit „Touch the Sound“ habe ich ja ein ausgeprägtes Faible für Töne. Mit dem Wind im Ton ist es wie mit dem Bild. Man hört ihn nur, wenn er auf etwas trifft. Man hört also eigenlich nie den Wind, sondern immer den Dialog des Windes mit einem Material. Es war teilweise sehr schwer, passende Töne aufzunehmen. Manchmal rauscht es einfach nur in den Blättern, ohne jede Differenzierung. Aber meine Tonleute, allen voran Shinya Kitamura, haben eine tolle Arbeit geleistet. Aus dieser Grundlage und dem, was Nico Krebs im Sounddesign noch ergänzt hat, hat Hubertus Rath dann eine sehr differenzierte und schöne Kino-Mischung zusammengebracht.

Wie sind Sie auf Stefan Micus für die Filmmusik von Breathing Earth gekommen?

Für mich ist Susumu irgendwie ein „analoger“ Mensch. Deshalb gab es auch die Enscheidung, auf Filmnegativ zu drehen. Für mich war das entsprechender, wärmer, menschlicher. Deshalb wollte ich nie „digitale Instrumente“ in dem Film. Mit Stefan Micus verbindet mich eine lange Bekanntschaft. Seit über 40 Jahren reist er durch die Welt auf der Suche nach traditionellen Musikinstrumenten, die eine „Seele“ haben. Es klingt spirituell, aber ich schätze diese Einstellung sehr, die die Energie in natürlichen Materialien sucht. Stefan spielt all diese Instrumente selber, er singt selber. Ich kenne keinen, der einer japanischen Shakuhachi-Flöte so bewegende Töne entlockt. Alle Instrumente in diesem Film sind besonders. Darüber könnte man einen eigenen Artikel schreiben.

[FILM, KUNST, REISEN]

In welcher Verbindung sehen Sie Ihre früheren Filme – Rivers and Tides mit Andy Goldsworthy, Touch The Sound mit Evelyn Glennie, aber auch Seelenvögel – mit Breathing Earth?

Ich denke, dass ich letztlich versuche, Phänomenen nachzuspüren, die uns mit der Natur verbinden. Die Frage nach unserem Verhältnis zur Natur ist mir über die letzten Jahre sehr wichtig geworden. Dabei geht es mir nicht um die große, unberührte Landschaft, sondern um die Natur direkt um uns und in uns. Und davon finden sich auch Ansätze in „Seelenvögel“, obwohl dieser Film für mich nochmal sehr speziell ist.

Es wird viel gereist in Ihren Filmen, fast immer ist Japan dabei. Was bedeutet das Reisen, das Erleben der Kunst an ganz unterschiedlichen Orten für Sie?

In „Seelenvögel“ wird ja nicht gereist … Ich weiß daher nicht, ob das physische Reisen an sich ein essentieller Punkt in meiner Arbeit ist. Eher das übertragene Reisen, um Erfahrungen zu machen. Eventuell unterstützt aber das physische Unterwegssein auch das mentale. Ich reise jedenfalls gerne physisch und mental. Logistisch ist es beim Filmen oft ein Albtraum… Japan hat bei all den Reisen schon einen besonderen Stellenwert. Viele interessante Denkanstöße kommen für mich aus Japen, wie zum Beispiel die japanische Begriffsklärung von „Schönheit“. Da fühle ich mich dem japanischen Denken sehr nahe. Andererseits ist Japan auch ein verstörendes, lautes und sehr fremdes Land. Ich könnte jedenfalls nicht behaupten, Japan verstanden zu haben. Dazu mus ich wohl noch öfters hinreisen …

Entstehen in Ihren Filmen über Künstler eigene Berührungen oder Befruchtungen zwischen deren Kunst und Ihrer Arbeit?

Wie sollte das anders sein? Natürlich werde ich von Andy Goldsworthy, Evelyn Glennie oder eben Susumu Shingu inspiriert, natürlich verändert es mich, und natürlich suche und finde ich andere Bilder dadurch. Das ist das Wunderbare am Dokumentarfilm, dass es diese Befruchtungen gibt. Inwieweit sie gegenseitig sind, kann ich nicht beantworten. Ich hoffe es jedenfalls.

Sie haben auch bei Breathing Earth wieder sowohl Regie als auch Kamera und Schnitt gemacht. Ist das die Vorbedingung für Ihre besondere Art der Filme?

Ich glaube nicht, dass ich bei so einer Art Film „nur“ Regisseur sein könnte. Dazu liebe ich die Bilder und das Filmen zu sehr. Und beim Schnitt fange ich manchmal erst an zu verstehen, was ich da eigentlich gefilmt habe. Ich denke, ich bin von meiner Art her ein bisschen „eigenbrötlerisch“ veranlagt. Und ich mache das alles richtig gerne …

HomeKontakt + Impressum • Pressebetreuung: www.hoehnepresse.de • Verleih: www.piffl-medien.de • Breathing Earth. Ein Film von Thomas Riedelsheimer.
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